#5

Wolfgang Maringer

Gastronom
Café Nest, Operngasse 21




7000 Bänke

Hallo Wolfgang, wir sind hier in deinem Café, Café Nest, in der Operngasse 25, um mit dir über die Bank zu reden, die du dauerhaft vorm Café auf der Straße installiert hast. Daher direkt die Frage, was hat dich dazu motiviert bzw. wann und warum hast du das getan - was ist die Hintergrundgeschichte?


Wolfgang Maringer

Ja gut, die Hintergrundgeschichte ist eigentlich sehr simpel: Das sind alte Bretter von einer Rampe, die zum Bau dieses Caféhauses benötigt wurde. Ohne diese Rampe hätten wir das nicht machen können.
Eigentlich waren das Bretter gewesen, die wir im Keller gefunden haben: dicke Eichenbretter, sehr robust. Und damit haben wir uns dann eine Rampe gebaut, um den Schutt aus dem Lokal hinauszubefördern. Weil wir haben das ja dann zu zweit begonnen, zu bauen. Dann sind natürlich auch Freunde zum helfen gekommen, als wir gesehen haben, dass wir das unmöglich zu zweit schaffen. Das waren dann letztendlich 14 Kubikmeter Schutt. Also nur der Schutt. Dann nochmal 14 Kubikmeter Bretter und nochmal 14 Kubikmeter andere Sachen. Also drei Container insgesamt. Das war schon recht unglaublich für eine so kleine Baustelle.

Also jedenfalls, die Bank ist aus der Rampe gemacht.

Und wieso hast du dann aus diesen Brettern eine Bank gebaut? Oder welche Bedeutung hat sie für dich?

Naja, erstens wollten wir selbst einmal da sitzen und sehen, wie der Bau vorangeht. Also zuerst haben wir uns auf die Blumenkübel gesetzt und haben hineingeschaut: „Aha, das ist neu, das ist passiert…“ , also da verändert sich ja jeden Tag dann etwas.
Na und dann irgendwann wollten wir einfach ein wenig gemütlicher sitzen. Und dann haben wir aus diesen alten Brettern dieses Bankerl zusammengeschraubt. Am Anfang war es natürlich noch nicht so hübsch wie jetzt, dann haben wir es nach und nach geschliffen und lackiert dann sind die Polster dazugekommen und so ist das dann entstanden: Also eigentlich erst nur für uns und dann haben wir uns gedacht: „Ok, jetzt tun wir das nicht weg, jetzt bleibt das hier. Das gehört zur Geschichte von dem Lokal jetzt dazu.“
Und den Leuten hat es auch direkt total gefallen. Es wird auch sehr oft fotografiert und auch auf Instagram etc. taucht es oft auf. Und dann sagen wir immer wieder: „Setzt euch doch einfach. Das ist kein Kunstobjekt. Das ist zum drauf sitzen gebaut.“ Und dann haben die Leute auch damit angefangen, sich drauf zu setzen. Aber anfangs haben sie sich oft nicht getraut, weil sie dachen, dass sei irgend ein besonderes Konstrukt.

Meinst du das könnte damit zusammenhängen, dass die Wiener Kultur diesbezüglich eher rückständig ist, also dass es in Wien einfach sehr oft keine Bänke gibt, auch und vor allem in belebten Bereichen, wo Menschen gut und gerne gelegentlich sitzen würden, aber dazu schlicht die Sitzgelegenheiten fehlen?

Ja das ist eine schwierige Geschichte; ich glaube, dass der öffentliche Raum für die normalen Menschen, die so herumgehen, immer weniger wird.
Ich glaube, das war früher einmal besser - man sollte sich das eigentlich eh wieder zurückholen, indem man es in solchen kleinen Rahmen einfach macht, wo sich quasi fast keiner darüber aufregen kann. Aber es ist natürlich manchmal schwierig. Jetzt haben wir gerade gesehen: in letzter Zeit sind ja diese Elektro-Roller aufgekommen. Da hat es direkt sehr viele Vor- und Unfälle gegeben weil sie auf einmal überall herumgestanden sind und waren, obwohl sie natürlich von vielen genützt werden, auch gleich sehr oft im Weg herum gestanden.

Man muss halt beachten, wenn man so etwas macht, dass man niemanden stört. Sobald du jemanden störst, ist es irrsinnig schwierig, dass dann so herüber zu bringen, dass die Leute nicht angefressen werden. Also man muss es integrieren, am besten man sieht es garnicht und man nutzt es. Und wenn dann die Leute es dann auch nützen, dann hat man gewonnen. Weil dann traut sich keiner mehr, es wegzunehmen.
In diesem Fall hat ja vor kurzem sogar das Magistrat schon gesagt: „Lasst es einfach da.“ Also ich hätte es sowieso nicht selbst weggemacht. Wenn sie es weggemacht hätten, hätte ich allerdings wahrscheinlich nicht noch einmal eines gebaut, weil du willst ja auch nicht unbedingt provozieren. Der Ort hier ist ja auch ein Arbeitsplatz für mindestens drei Leute.
Aber wie gesagt, selbst weggemacht hätte ich es auch nicht. Da hätte ich mich lieber bestrafen lassen und hätte mich dann eventuell über die Medien ein bisschen provokant inszeniert.

Hast du einen persönlichen Bezug zu manchen Leuten, die die Bank nutzen, die aber auch nicht gleich Kunden deines Cafés sind, Hausbewohner etwa oder ähnliches?

Also erst einmal haben sich umgekehrt sogar Stammgäste dadurch entwickelt: Zum Beispiel, circa vor einem oder zwei Monaten, da sind zwei Damen draußen gesessen, die vom Einkaufen müde waren, und ich hab ihnen dann ein Wasser angeboten, also nicht zum Verkauf, sondern einfach weil sie ganz offensichtlich sehr erschöpft waren.
Da haben sie erst ziemlich die Krise gekriegt: „Nein, wir wollen nichts kaufen, nur kurz sitzen.“ Ich habe ihnen dann klar gemacht, dass ich ihnen nichts verkaufen will und einfach ein Wasser gebracht und direkt am nächsten Tag sind sie dann zum Essen und Trinken gekommen und haben nochmal erzählt, dass sie sich total über das Bankerl gefreut haben und es ihnen gut getan hat, eine Rast einlegen zu können. Da wird es dann natürlich zur Bereicherung, auch für uns.

Aber ich lass die Leute dort auch komplett ohne Konsum sitzen, auch den ganzen Abend lang. Das stört mich überhaupt gar nicht. Das Café hat ja ohnehin eigene Bänke auf dem Gehsteig und im Sommer den Schanigarten.
Ja und sonst ist es natürlich schon auch ein kommunikativer Treff vom Haus. Die Hausbewohner treffen sich hier oft, also zufällig aber auch als Ort der Verabredung, um aktuelle Dinge zu besprechen.

Fällt dir aus dem Stehgreif etwas vergleichbares ein, wo du dich vielleicht manchmal selbst hinsetzt oder das dir etwas derartiges begegnet wäre?

Also wir haben da so eine Fahrrad-Runde immer sonntags. Da fahren wir oft in Richtung Greifenstein und da sitzen wir immer auf dem Beton auf der Staumauer in Greifenstein. Da ist dann immer die erste Pause. Dort ist es immer schön warm von der Sonne. Da setzen wir uns dann immer gerne hin.
Ansonsten ist mir vor kurzem hier in der Nähe etwas aufgefallen. Da hat die Stadt eine Sitzgelegenheit unmittelbar vor einem Beisl aufgestellt und das sieht erstmal ziemlich nicht dazu gehörig aus, aber es ist wohl doch sehr nutzbar. Auch wenn ich mir jetzt nicht sicher bin, ob das ein Bankerl ist oder eher ein Sessel. Aber irgendwie hab ich mir gedacht, dass das schon fast für den Gastronomen errichtet wurde. Jedenfalls, wenn ich ein Gastronom bin und die bauen mir da so einen Sessel hin, dann freue ich mich darüber. Also kein Neid, aber wenn sie das hier gemacht hätten, hätte ich mich darüber natürlich auch gefreut.
Nun gut. Bei Euch haben Sie ja diese Blumenkübel aufgestellt, in die Ihr dann die Bank eingebaut habt…

Ja, das stimmt. Die sind vom Wiener Stadtgartenamt. Allerdings hatten wir auch selbst Blumenkisten dastehen und ich behaupte jetzt mal, die hätten wir auch stehen lassen, wenn diese nicht gewesen wären. Oder natürlich auch ein Bankerl oder Sessel. Allerdings ist eine Bank natürlich immer besser, als ein Sessel.
Auch im Café, die Bänke sind immer die begehrtesten Sitzplätze. Die Leute wollen gern auf einer Bank sitzen, meiner Erfahrung nach. Daher haben wir auch im Innenbereich sehr viele Bänke gebaut, hier waren früher nur Einzelsitzgelegenheiten. Irgendwie werden Bänke einfach gerne benutzt.
Zum Beispiel kommt zu uns einmal in der Woche der TU-Chor, die könnten sich gar nicht vorstellen, auf Sesseln zu sitzen. Die wollen zusammen sein. Die singen miteinander und studieren miteinander und man merkt, dass die einfach enger beieinander sein wollen. Die sind regelrecht angefressen, wenn sie zu weit auseinander sitzen müssen. Dann rutschen sie lieber auf den verfügbaren Bankplätzen zusammen.

Und zurück zu der Bank vorm Café und vielleicht auch nochmal den Blumenkästen. Denkst du die Blumen und die individuelle Gestaltung gegenüber städtisch aufgestellten Bänken machen die Bank vielleicht auch nochmal besonders attraktiv oder begehrt?

Kaum. Es ist einfach eine Sitzgelegenheit. Also Leute die das nutzen, sind entweder müde oder möchten etwas abstellen oder sich kurz ausruhen und die Seele baumeln lassen - ich sehe manchmal Leute da sitzen, die einfach nur ins Leere starren, die wollen einfach mal kurz durchatmen - oder aber auch zum telefonieren.
Also wenn man die Zeitspanne betrachtet, die die Leute da durchschnittlich sitzen, sind das is etwa so fünf Minuten maximal. Also dass Leute viel länger da sitzen, wäre mir noch nicht wirklich aufgefallen. Allerdings bin ich auch erst ab 17 Uhr da. Was da den Tag über passiert, ist noch einmal eine ganz andere Geschichte. Oft wird glaube ich auch sogar der Schanigarten tagsüber genützt. Die Leute bringen sich dann ein Picknick mit und wir finden natürlich Spuren davon.

Und dann zum Schluss nochmal zum Thema Magistrat: Du hast vorhin schon gesagt, dass von deren Seite eine Duldung signalisiert worden ist…

Ja, die waren das letzte mal im August da und haben alles penibel bemessen und ich musste dann auch Sachen am Schanigarten umbauen, aber bei der Abnahme waren sie mit allem sehr zufrieden und die Blumenkübel sind ja sowieso von der Stadt. Also die haben das dann alles ausgemessen und es ist eigentlich alles konform, außer das Bankerl.
Aber bis jetzt muss ich es nicht wegräumen, also ich habe noch nichts geschickt bekommen, obwohl es eine Eingabe schonmal gegeben hat. Also eine Beschwerde gab es bisher - in fünf Jahren - aber sie haben mich nicht aufgefordert es wegzuräumen, bis jetzt jedenfalls.

Wieso gab es diese Beschwerde?

Ich weiß es nicht. Da habe ich wirklich keine Ahnung.

Verrückt.
Na dann, vielen Dank Dir und alles Gute.

Gerne.