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Erich Streichsbier

Architekt und Stadtplaner
Magistratsabteilung 19 – Architektur und Stadtgestaltung

7000 Bänke:

Heute haben wir im Social Design Studio Erich Streichsbier von der MA 19, Architektur und Stadtgestaltung zu Besuch und wollen auch mit ihm über das Thema Bänke, oder Bank an sich sprechen. Mit Dir in Kontext des öffentlichen Raums, bzw. als Bereicherung des öffentlichen Raums. Für uns ist die Bank ja ein Symbol für Begegnung. Ihre Installation stellt im Grunde einen sehr kleinen Aufwand dar, kann jedoch eine große Wirkung und Effekt erzielen – vor allem in puncto Kommunikation- und Interaktionspotenzial. Unsere Initialzündung für das Projekt war ein Freund, der vor sein Haus einfach eine Bank gestellt hatte und damit schlussendlich eine lebendige Hausgemeinschaft initiiert hat.

Wie siehst Du denn das Thema? Hast Du dazu irgendeinen Bezug, interessiert Dich das, und kannst du Dich kurz vorstellen und erzählen, was Du in der MA19 machst und wirkst?
Erich Streichbier (Magistratsabteilung 19, Architektur und Stadtgestaltung):

Ich bin in der MA 19, und früher im Dezernat Öffentlicher Raum, tätig. Das ist die Abteilung, die unter anderem den Straßenraum von gestalterischer Seite plant. Ich habe zum Beispiel mit dem Architekt Schwarz die Ottakringerstraße (im 16. Wiener Bezirk) mitgestaltet und war am Zentralraum Hernals (17. Wiener Bezirk) beteiligt.
Das Thema Bänke ist natürlich ein sehr brennendes in Wien. Denn die Stadt wird immer dichter, es ziehen immer mehr Menschen zu und die Freiräume werden dadurch gleichzeitig nicht mehr. Das Klima verändert sich, es wird zum Teil wärmer und man braucht mehr Schatten. Es halten sich mehr Leute im Freien auf aber gleichzeitig steigt auch der Konsumdruck und dadurch ergeben sich dann auch verschiedene Konflikte, die ausbrechen können.
Gleichzeitig sind Bänke aber eben auch sehr wichtig – für junge Menschen und für alte Menschen. Für ältere Menschen, wenn sie unterwegs sind, zum Beispiel zum Arzt gehen möchten, dann brauchen sie die Bank als Trittstein. Das heißt, wenn es Bänke gibt, können sie länger mobil bleiben und hin und wieder Rasten. Wenn es keine (Bänke) gibt, sind sie schneller im Altersheim, weil sie eher auf Hilfe in ihrer Mobilität angewiesen sind. Das Thema hat also sehr große Implikationen auf die Gesundheit, das gesunde Altern und letztlich auch auf die CO2 Bilanz. Denn jede Minute, in der sich die Leute länger in der Stadt aufhalten können – weil es dort (im öffentlichen Raum) gemütlich ist, und zum Beispiel eine schöne Bank steht, desto weniger fahren die Leute dann, am Wochenende zum Beispiel, aufs Land raus.
Wenn man sich nun einmal die Verweildauer als Faktor durchrechnet, dann sieht man das nur wenige Prozentpunkte eine enorme Auswirkung auf die Einsparung in puncto CO2 hat.

Gibt es denn eine spezielle Bank, oder einen Ort, der durch seine Gestaltung für Dich besonders ist?
Da gibt es mit Sicherheit viele Orte. Ich muss sagen eure Bank (Anm. d. Red.: Siehe Foto oben) gefällt mir sehr gut. Ich glaube, es ist allgemein so, dass es oft nur sehr kleine Eingriffe, wie also eine Bank braucht, die dann einen Ort schafft, an dem man sich kurz ausruhen und die Gedanken schweifen lassen kann. Solche Orte wirken sich einfach sehr positiv auf die Umgebung aus, auch wenn sie gerade nicht benutzt werden – sie schaffen einfach eine gute Atmosphäre und machen den öffentlichen Raum viel einladender. Damit lasse ich jetzt natürlich für den Moment die Konflikt- und Problemseiten, die so eine Bank mit sich bringt, außer Acht. Denn wenn dort nachts getrunken, gelärmt oder übernachtet wird, dann gefällt das nicht jedem. Auch die Wartung kostet natürlich Geld. Man muss schlicht und ergreifend die Vor- und Nachteile von so einem Objekt betrachten.
 
Zu dieser Gratwanderung hat uns auch die Grünenpolitikerin Silvia Nossek, Bezirksvorsteherin im 17. Bezirk einige interessante Einblicke gegeben. So gibt es im 17. (Wiener) Bezirk eine Art Task Force, die, unter anderen Aufgaben auch, nach dem Aufstellen neuer Bänke in der direkten Umgebung Befragungen von Anwohnern und Anwohnerinnen machen und sich darum kümmern, dass es keine Probleme gibt.
Redest Du in diesem Fall vom “Fairplay Team”?

Ich weiß nicht konkret, wie sich die nennen. Wenn Du dich aber an unser letztes Gespräch erinnerst, hatten wir ja schon über die Bank als Streitgut gesprochen. Und vor allem von solchen Situation, in denen sich nur zwei, drei Leute über eine neu platzierte Bank beschweren und die Stadt dann auf diese wenigen Beschwerden drastisch reagiert und teilweise Bänke wieder abbaut. Wobei es natürlich viele Leute geben wird, die die neue Sitzgelegenheit schätzen, sich aber nicht im positiven Sinne artikulieren und bemerkbar machen. Dafür gibt es scheinbar diese Taskforce, um solche Dinge zu klären.
Davon wusste ich ehrlich gesagt noch gar nichts. Das ist aber natürlich ein sehr intelligenter Planungs- und Präventionsansatz, weil das Konfliktpotenzial bei der Neuentwicklung -und Gestaltung des öffentlichen Raum natürlich immer recht groß ist und dort unentwegt Reibung entsteht.

Jetzt würde uns natürlich auch noch Deine Meinung als Stadtplaner zu den von uns, bzw. zusammen mit einem Kollegen entwickelten Steckbänken interessieren. Vor allem in der Hinsicht auf ihre Installation und die geringe Platznahme. Wir wissen ja mittlerweile, dass auf Gehwegen mindestens 2 m Platz für den ungestörten Passantenverkehr bleiben muss.
[Anm. d. Red.: siehe Holzmodell im Titelbild, bzw. 3-D Modell hier anbei]

Steckbank Version Acrylglas/Stahl
 Steckbank im 3-D Rendering mit Acrylsitzfläche und Stahlsteckleisten, Bild: Raphael Volkmer

Diese Idee, finde ich als Guerrilla-Ansatz eigentlich sehr sympathisch, also als Privatperson. (lacht)Man muss aber immer alle Implikationen bedenken. Also auch welche Schwierigkeiten das schaffen kann. Recht machen kann man es aber sowieso nie jedem. Es wird immer jemanden geben, der sich beschwer, dass die Bank auf “seinem” Zaun angebracht wurde. Wenn diese Bänke aber mobil sind und darauf achtet, dass kein Schaden entsteht, dann finde ich das als Idee zumindest schon sehr interessant.

Hast du eine Idee warum es gerade in Wien so viele dieser kleinen Sezessionszäune, meistens um Bäume, als s. g. Baumscheibe, gibt?
Das kann ich nicht genau sagen. In Paris gibt es die aber genau so. Ich habe aber auch schon Bezirksvertrehter kennengelernt, da hatte man den Eindruck, dass diese Zäune fast schon ein Fetisch sind. (lacht)
Grundsätzlich sind das Baumschutzgitter, die oftmals eingesetzt werden, um Hunde von ihrer Notdurft abzuhalten, wobei das die größeren Hunde natürlich nicht unbedingt hindern wird.

Nun hast Du ja schon das Thema Guerrilla-Aktion angesprochen. Wenn man wie wir nun wirklich viele Bänke bauen bzw. das Bewusstsein für deren Bedeutung schaffen möchte, stellt sich natürlich die Frage, macht man das eher über den offiziellen Weg, macht man das in Eigenregie oder regt man nicht lieber eine Selbstmachkultur bei den Stadtbewohnern und Stadtbewohnerinnen an, so das sie selbstständig tätig werden und Bänke vor ihre Häuser stellen und dafür eventuell sogar eine Rückzahlung oder finanzielle Unterstützung der Stadt bekommen. Inwiefern könnten hier die Stadtplanung und die Stadt mehr ein Partner sein. Also zum Beispiel durch einen Anstoß von uns.
Also wir haben in der Studie Potenziale von Alltagsstraßen, die wir gemacht haben, dass es sich dieser Ansatz sehr positiv auswirkt in Kopenhagen und Rotterdam, die diese Regelung haben, dass man bis zu 40 oder 50 Zentimeter von der Hauswand, wenn man es meldet, Sitzgelegenheiten oder auch Planztöpfe aufstellen kann. Das hat sich dort sehr gut bewert – auch wenn sie dort etwas andere Voraussetzung haben, weil sie dort einen anderen Untergrund haben. Dort ist der Boden oft gepflastert, sodass man einfach Steine herausnehmen kann, um direkt in den Untergrund zu pflanzen. Das geht bei uns nicht so einfach, weil in Wien fast alles asphaltiert ist. Das sieht auch die MA 28 für Straßenverwaltung und Straßenbau nicht so gerne.
Aber generell für Sitzgelegenheiten und Pflanztöpfe wäre das sicher ein Ansatz, der für Wien funktionieren könnte – wenn es hier einen politischen Willen dazu gäbe. Das wäre sicher eine tolle Sache. Und wenn man dann da oder dort eine Bank fördern könnte, bei Leuten, die sich das vor ihrer Haustüre wünschen – es gibt ja auch Förderungen für andere Dinge, wie Lastenfahrräder – dann wäre das eine tolle Idee. So etwas könnte man zum Beispiel dann die neue Stadträtin fragen, ob sie so etwas unterstützen würde.

Das hieße, man müsste dafür dann den Weg über die Politik gehen?
Ja, das ist wohl sehr wahrscheinlich, weil das Magistrat von sich aus solche Sachen eigentlich nicht entscheiden kann.

Würdest du Dir denn persönlich eine Bank vors Haus stellen? Hast du darüber schon mal nachgedacht?
Ich glaube, darüber hab ich noch nie in dieser Form nachgedacht. Schaden würde es sicher nicht. Das hängt natürlich auch vom Setting ab, also ob es da eine geeignete Nische gibt, wo sich das anbietet, oder ob es eher eine durchlaufende Hausfront ist, wo die Bank dann als Fremdkörper heraussteht und zu wenig Restgehsteig übrig lässt. Aber wenn man sich jetzt vorstellt, dass überall im Stadtgebiet diese 40-50 cm Streifen angewendet werden können und dadurch entlang einer langen Hausfasade auf einmal viele Bänke mit Begrünung stehen, dann ist das sicher wieder ganz anders. Das sieht man eben auch in Städten wie Amsterdam, wie sehr eine Begrünung in Kombination mit Verweilmöglichkeiten, die Leute selbst organisieren, ein Stadtbild zum Positiven beeinflussen kann, den Anblick angenehm macht also auch optische Lebensqualität schafft und das Wohlbefinden hebt.

Um noch einmal auf die Studie zu sprechen zu kommen. Hier heißt es, dass es in Wien nur in 2 von 10 untersuchten Straßen Sitzgelegenheiten ohne Konsumzwang gibt. Im Vergleich dazu hat Kopenhagen 8 oder 9 von 10 Straßen mit Sitzgelegenheiten, Rotterdam 7 und München 4. Nun ist diese Studie ja von der MA19 in 2017 Auftrag gegeben worden. Welche Konsequenzen zieht ihr als Magistratsabteilung denn im Anschluss an solche Studien?
Ich gehe jetzt nicht davon aus, dass es in Wien grundsätzlich weniger Bänke gibt als in anderen Städten. Nur stehen diese halt an anderen Orten. Die Studie ist also mit Sicherheit von der örtlichen Gesetzgebung beeinflusst, also dadurch das in anderen Städten Privatpersonen selbstständig Bänke rausstellen können.
Wir verwenden diese Studie eigentlich eher zur Bewusstseinsbildung, also zum Beispiel in dem wir sie auf verschiedenen Konferenzen oder Workshops vorstellen können und den Menschen Vergleichsmöglichkeiten bieten können, wie eben das Straßenbild in verschiedenen Städten variieren kann.

Du hast gerade das Medium Workshops angesprochen. Nun haben wir ja auch die Idee unser Anliegen zukünftig darüber unter die Leute zu bringen. Was sind das denn für Workshop, die ihr veranstaltet? Gäbe es da denn eventuell die Möglichkeit zu kollaborieren?
Das ist zum Beispiel, wenn eine Konferenz organisiert wird zum Thema Fachkonzept öffentlicher Raum oder wir eine Steuerungsgruppe in einem Bezirk haben, oder in einer Bezirksentwicklungskomission etwas präsentieren. Damit kann man Politikern, die vielleicht normalerweise nicht so viel mit dem Thema öffentlicher Raum zu tun haben das Thema anhand dessen nahe bringen.

Aber sind das dann auch Veranstaltungen mit praktischen Komponenten? Also würdet ihr mit einer Gruppe auch mal Bänke bauen?
Na ja, wir wären für solche “Bastellarbeiten” – fallweise – könnten wir da schon teilnehmen. Aber wir werden jetzt bei der MA19 wahrscheinlich nicht selber zum Bänkebauen anfangen. (lacht)

Wobei das ja eigentlich unser Ziel ist, dass sich wirklich JEDER die Möglichkeit vorstellen kann, eine Bank zu bauen.
Wir haben ja im Zuge der Studie Wiener Querschnitt auch Menschen gefragt, was sie mit dem Begriff Öffentlicher Raum überhaupt anfangen können. Und da war eine Antwort: „Nichts.” Also was ich damit sagen will: Man merkt schon, dass sich vielen Leuten gar nicht bewusst ist, dass das ihr öffentlicher Raum ist und dass in vielen Fällen gar nicht wirklich in ihrem Interesse vertreten werden. Es muss ja nicht in jedermanns Interesse, dass im überall (im Stadtraum) Werbung sichtbar ist, oder oftmals Autos sehr geballt stehen. Also es gibt einfach auch andere Dinge, die man mit diesem Raum anfangen kann, damit Qualitäten entstehen können. Aber für solche Dinge ist das Bewusstsein einfach noch nicht so da. Also es wäre schon schön, wenn es sich irgendwann jeder Wiener und jede Winerin vorstellen könnte sich auf ein Bankerl unter einem Baum setzten zu können, um gemütlich ein Buch zu lesen, und das vor dem eignen Haus.Der Gedanke, dass der Gehsteig eigentlich nur dazu benutzt wird um von der Haustür zum Auto zu kommen und dann zum Billa zu fahren und dann wieder zurück, finde ich schon sehr unzeitgemäß.
In Kopenhagen gibt es ja innerorts an vielen Plätzen komplettes Fahrverbot und vor allem, viel wichtiger, überhaupt keine Parkplätze. Dadurch entsteht natürlich ein ganz anderer Umgang (mit dem öffentlichen Raum).
Ja natürlich. Das hat auch viel mit der Verkehrsplanung und der Kultur des Fahrradfahrens zu tun.

Wir haben wir vor kurzem von dem Mythos gehört, dass um die Wiener Ringstraße, bevor sie zum Fahrradweg wurde, hunderte von Bankerl standen, die von Otto Wagner gestaltet wurde. Nun möchte man natürlich auch nicht wieder den Fahrradweg wegnehmen. Aber den Autoverkehr, der ja sehr dominant ist, könnte man natürlich schon einschränken.
Das ist eine viel disskutierte und debattiertes Thema. Der Ring ist wahrscheinlich der konfliktträchtigste Ort in Wien, was den Verkehr betrifft – mit den vielen Sperrungen.

Aber hast du von diem Mythos schon einmal gehört?
Nicht direkt. Aber ich kann mir das schon sehr gut vorstellen. Auch am Donaukanal und an anderen Orten war zu Zeiten Otto Wagners einfach unglaublich viel los. Es gab einfach sehr viele Fußgänger, Spaziergänger und Flaneure und damit war die Atmosphäre eine ganz andere. Man kann sich das auf alten Karten ja noch ansehen. Der Stadtraum hat damals schlicht ganz anders funktioniert.Nach dem Krieg und mit dem Aufkommen des individualisierten Personalverkehrs, in Zuge, dessen man dann diese Breschen und Schneisen für die Autos in die Stadt geschlagen hat, ist dann zum Beispiel der Donaukanal abgetrennt worden. Und damals gab es durch das hohe Fußgängeraufkommen ein ganz andere Selbstverständlichkeit irgendwo Bänke aufzustellen und einen ganz anderen Bedarf. Auch am Ring waren damals sicher viel mehr Fußgänger unterwegs.

Mit dem Ring schließen wir für heute unseren Gesprächskreis.
Vielen Dank für das Gespräch.

Ich hoffe ihr verwendet nicht alles. (lacht)